Hilfe, mein Pferd ist zu dick!

Es ist ein Problem, das viele Freizeitreiter:innen kennen: Das Pferd ist zu dick. Eines Tages kommt man in den Stall und erkennt, dass das, was man da sieht, auch nicht mehr als vorübergehender Heubauch zu beschönigen ist. In diesem Beitrag möchte ich erklären, wie du Übergewicht beim Pferd erkennst, was es für Auswirkungen hat und was du dagegen tun kannst.

Wie erkenne ich, dass mein Pferd zu dick ist?

Kurz gesagt – hinschauen. Es gibt bei Pferden keinen mit dem menschlichen (ohnehin umstrittenen) BMI vergleichbares Maß, um das Gewicht einzuschätzen – dafür sind die rassebedingten Unterschiede auch zu groß. Als einfache Herangehensweise zur Bestimmung des Ernährungszustandes wird daher beim Pferd der so genannte Body Condition Score (BCS) herangezogen. Dieser besteht aus einer Skala von 1 bis 10, wobei 1 für extremes Unter- und 10 für extremes Übergewicht steht. Zur Festlegung des BCS wird jede Körperpartie gesondert betrachtet und zum Schluss der Durchschnitt aus den einzelnen Partien gebildet. Eine hilfreiche Skala zur Einschätzung der einzelnen Abschnitte findest du hier.

Um zu erkennen, ob dein Pferd übergewichtig ist, musst du aber keine hochwissenschaftliche Analyse betreiben. Eine einfache Blickdiagnose reicht meist fürs Erste. Auch die bekannte Faustregel, dass man die Rippen fühlen aber nicht sehen sollte, kann hier weiterhelfen. Dabei ist mit „die Rippen fühlen“ eine leichte Berührung gemeint. Wenn du erheblichen Druck aufwenden musst, um irgendwo eine Rippe zu ertasten, dann ist dein Pferd vermutlich zu dick. Weiterhin zeigt sich das Übergewicht auch häufig durch deutliche Fettpolster am Mähnenkamm, Brustkorb und an der Hinterhand.

Warum ist mein Pferd zu dick?

Auch hier wieder zunächst die einfach Antwort: weil es mehr Energie zu sich nimmt, als es durch seine Körperfunktionen und Bewegung verbraucht.

Wie so oft bei Zivilisationskrankheiten und deren Ursachen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit – hier in die Zeit vor der Domestizierung des Pferdes. Pferde sind von jeher Steppentiere und lebten grundsätzlich in Gebieten mit eher kargem Futterangebot. Um trotz dessen genug Energie zu sich zu nehmen, verbrachten Pferde einen Großteil der Zeit mit Fressen und waren dabei immer in Bewegung, um immer neue Bereiche mit Futterquellen zu erschließen. Da bekanntlich die Evolution nicht so schnell verläuft wie die Entwicklung der Zivilisation und der damit einhergehenden Domestizierung, zeigt sich dieses Muster noch heute. Heutzutage stehen Pferde auf verhältnismäßig kleinen Weiden, mit – je nach Weidepflege – üppigem Gras bis Unkraut und fressen Heu, das aus vormals üppigem Gras gewonnen wurde. Vielen übergewichtigen Freizeitpferden ist zudem gemein, dass sie nicht die reiterliche Auslastung erhalten, die sie benötigen würden, um ein gesundes Gewicht zu halten.

Was sind die Folgen von Übergewicht?

Manche mögen der Meinung sein, dass ein bisschen Speck noch niemandem geschadet hat. Das Gegenteil ist der Fall. Übergewicht bei Pferden ist nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben:

Übergewichtige Pferde haben ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselstörungen wie Insulinresistenz (IR), Equines Metabolisches Syndrom (EMS) und Hufrehe. Grund für diese Krankheiten sind Verschiebungen im Hormonhaushalt, durch Stoffe, die im Fettgewebe gebildet werden. Diese Erkrankungen können die Lebensqualität des Pferdes erheblich beeinträchtigen.

Das zusätzliche Gewicht belastet die Gelenke übermäßig und kann zu Gelenkschäden führen. Dies kann langfristig zu Lahmheiten und chronischen Schmerzen führen.

Übergewichtige Pferde haben zudem oft weniger Freude an der Bewegung. Sie werden träger und weniger aktiv, was den Teufelskreis des Übergewichts weiter verstärkt.

Was also tun?

Da das Grundproblem darin liegt, dass das Pferd mehr Energie zu sich nimmt, als es verbraucht, liegen die Lösungsansätze nahe: die Energiezufuhr verringern und den Energieumsatz erhöhen.

Wie so oft, bevor man etwas ändern kann, empfiehlt sich zum Anfang eine Bestandsaufnahme – hier eine Ermittlung des Energiebedarfes und der geschätzten Energieaufnahme. Nur so lässt sich erkennen, wo man bei der Rations- und Haltungsoptimierung am besten ansetzen kann, ohne das Risiko eines Nährstoffmangels einzugehen.

Futter

Hartnäckig hält sich die Behauptung, dass Pferde rund um die Uhr fressen müssen, damit die konstant produzierte Magensäure nicht die Magenschleimhaut schädigt. Das ist jedoch nur teilweise korrekt. Tatsächlich ist das Bedürfnis, rund um die Uhr zu fressen evolutionär durch das traditionell spärliche Nahrungsangebot des natürlichen Lebensraumes wilder Pferde bedingt. Um mit dem dortigen harten, faserreichen Steppengras überhaupt genug Energie aufzunehmen, verbrachten Pferde einen Großteil der Zeit mit der Futtersuche. Das heute zu Verfügung stehende Gras und Heu hat jedoch mit der ursprünglichen Nahrung nichts mehr gemein. Heutiges Raufutter ist oft sehr energiereich und viel öfter am Bedarf von Nutztieren wie Kühen orientiert, welche jedoch ganz andere physiologische Bedürfnisse haben. Wenn unsere heutigen Pferde dieses Futter nun also rund um die Uhr fressen, ist Übergewicht vorprogrammiert.

Das evolutionär bedingte stetige Fress- und Kaubedürfnis sowie die kontinuierliche Magensäureproduktion sind natürlich nicht von der Hand zu weisen. Fresspausen von 3-4 Stunden, abwechselnd mit ebenso langen Fresszeiten sind aber grundsätzlich nicht schädlich. Leider ist dies jedoch nicht immer mit wenig Aufwand möglich. Eine Alternative ist, Heu mit Stroh zu mischen, um den Anteil an energiereicher Nahrung zu verringern oder Äste zum knabbern hinzuzugeben. Dies dient als kalorienarme Beschäftigung und befriedigt den natürlichen Kaubedarf.

Technologische Lösungen wie Futterspender oder Heuraufen mit Zeitschaltuhr können eine Alternative sein. Hierbei sind allerdings die passenden räumlichen und technischen Gegebenheiten sowie entsprechende finanzielle Investitionen notwendig. Dass auf die Sicherheit und Zuverlässigkeit der Anlage zu achten ist, versteht sich von selbst. Daher sollten solche Lösungen gut überlegt und geplant werden und es sollte jedem klar sein, dass dies nicht die tägliche Kontrolle der Tiere ersetzen kann.

Fressbremsen sind ebenfalls mit Vorsicht zu genießen. Neben potentiellen Zahnschäden und einem Verletzungsrisiko ist der Effekt auch zumindest fraglich, wenn das Pony, sobald vom Maulkorb befreit, umso mehr beim Heu und Gras zuschlägt. Aber jedes Pferd ist unterschiedlich und ausprobieren kann man alles. Wenn Fressbremse, dann aber nur zeitweise und am besten unter Aufsicht.

In jedem Fall solltest du auf hochwertiges, faser- und strukturreiches Futter Wert legen, an dem das Pferd lange kauen kann und das es mit ausreichend Nährstoffen versorgt.

Training

Neben der Anpassung der Futterration ist eine Erhöhung des Trainingspensums ein Weg, um das Gleichgewicht zwischen Energieaufnahme und -verwertung wieder herzustellen. Die Anforderung richtet sich hierbei nach dem Trainingszustand des Pferdes. Normal bis gut trainierte Pferde sollten täglich mindestens eine Stunde in allen 3 Gangarten bewegt werden – selbstverständlich zusätzlich zum Weidegang. Vor allem ausgiebige Galoppphasen stärken nicht nur Muskeln, Sehnen und Gelenke sondern sind auch notwendig zur Reinigung der Lunge und eben der Aufrechterhaltung der Fitness. Sofern Pferde aufgrund von Alter, Verletzungen oder mangels Kondition sich nicht lange in höheren Gangarten bewegen können, ist das Pensum natürlich entsprechend anzupassen. Für viele klingt dies sicherlich trivial, aber wer ein zu dickes Pferd hat sollte reflektieren, ob das Ross wirklich täglich in dem beschrieben Maße bewegt wird, oder ob nicht doch meistens ruhigeren Einheiten der Vorzug gegeben wird. Natürlich ist nichts gegen eine Bummelrunde im Schritt hin und wieder einzuwenden, welche ebenso wichtig für die Regeneration wie die mentale Entspannung sind. Zur Gewichtsreduktion trägt dies jedoch kaum bei. Wer den Fokus auf Bodenarbeit legt, kann und sollte diese ebenfalls mit entsprechenden Trab- und Galoppeinheiten verbinden. Im übrigen: Kopfarbeit hat leider keinen nennenswerten Energieverbrauch über den Grundumsatz hinaus. Wirklich nicht 🙂

Eine weitere Maßnahme, um mehr Bewegung in den Pferdealltag zu bekommen ist ein Aktivstall oder eine Aktivkoppel. Natürlich sind die Voraussetzungen zum Aktivstall nicht überall gegeben. Aber schon ein einfaches und cleveres Umstecken der Zäune auf der Weide kann aus einem rechteckigen Fußballplatz eine Aktivkoppel mit weiten Wegen zwischen Plätzen wie Unterstand, Wasser, Heuraufe o. Ä. machen. Achte allerdings darauf, dass trotzdem noch genug Platz für ausgiebiges Galoppieren und Toben bleibt, d. h. lange Geraden vorhanden sind und die Gänge nicht zu eng gesteckt werden.

Zu guter letzt sei noch die Führmaschine genannt, die in einigen Ställen angeboten wird.

Energieverbrauch > Energieaufnahme

Sofern du die oben genannten Maßnahmen in der für dein Pferd passenden Weise umsetzt, solltest du bald Fortschritte beobachten können. Das Abnehmen sollte jedoch nicht zu schnell vonstatten gehen, da der Körper einige schädliche Stoffwechselabbauprodukte im Fettgewebe speichert, welche dann beim Abbau der Fettdepots vermehrt freigesetzt werden. Auch diesbezüglich empfiehlt sich die Abstimmung mit Tierärzt:in oder Ernährungsberater:in.

Wie bereits erwähnt: jedes Pferd ist anders und reagiert unterschiedlich auf verschiedene Maßnahmen. Eine Gewichtsabnahme bei zu dicken Pferden lohnt sich aber im Hinblick auf die gesundheitlichen Vorteile in jedem Fall und sollte nicht zu lange aufgeschoben werden.

Du brauchst Hilfe bei der Gewichtsreduktion deines Pferdes? Dann schreib mir gerne über das Kontaktformular, per E-Mail (nadja@haferconsulting.de) oder per WhatsApp an 01604116246.

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